Vereinbarkeit von Beruf und Familie besser organisieren
Ich möchte, dass die Balance zwischen Berufstätigkeit, Leben mit Kindern und Betreuung von pflegebedürftigen Personen auch in Baden-Württemberg besser möglich ist – für Frauen und für Männer, für Alleinerziehende und für gleichgeschlechtliche Partnerschaften, für Verheiratete und für Unverheiratete oder für Patchworkfamilien. Familienleben und existenzsichernde Berufstätigkeit dürfen sich nicht länger ausschließen.
Dazu müssen die bestehenden strukturellen Hindernisse bei der Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familienarbeit aufgebrochen und Rahmenbedingungen geschaffen werden, die es erlauben, dass sich Väter und Mütter nach individueller Lebensplanung und ohne Diskriminierung die Arbeit teilen können, wenn sie es wollen (Lebenslauf- und Zeitpolitik). Mir geht es dabei nicht nur um Chancengleichheit, sondern darum, die Betreuungsinfrastruktur so auszubauen, dass Eltern ( und dabei eben immer noch die Mehrzahl der Mütter) tatsächlich die Wahl haben: Die Wahl zu Hause zu bleiben oder erwerbstätig zu sein, die Wahl zwischen Vollzeit und Teilzeit, die Chance auf Rückkehr in den Beruf und die selbstverständliche Kombination von existenzsichernder Berufstätigkeit und Familienarbeit.
Die Privatwirtschaft muss gesetzlich verpflichtet werden, Chancengleichheit und gleiche Bezahlung für gleichwertige Arbeit zu gewährleisten. Nur dadurch können schnell die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass Unternehmen Beruf und Familie durch Chancengleichheitspläne und betriebsinterne Maßnahmen vereinbar machen und Familienpausen nicht länger sanktioniert werden. Eine familien- und frauenfreundliche Personalpolitik wird für immer mehr Unternehmen zu einem Erfolgsfaktor im Wettbewerb um Fachkräfte.
Ich setze mich dafür ein, dass die Kinderbetreuung für die Unterdreijährigen schnellstmöglich bedarfsdeckend und hochwertig in allen Landesteilen ausgebaut wird. Die Betreuungsangebote für Kinder in Kitas, Kindergärten und Horten müssen nicht nur während der Schulzeiten, sondern auch in den Ferien ausgeweitet werden. Ganztagsschulen werden verbindlich ins Schulgesetz aufgenommen und sorgen dafür, dass Kinder und Jugendliche in der Schule soziale Kompetenzen entwickeln und tatsächlich fürs Leben lernen. Dadurch werden Familien entlastet und zugleich gestärkt.
90 Prozent der jungen Menschen wünschen sich Kinder. Dennoch entscheiden sich immer mehr Frauen und Männer für ein Leben ohne Kinder. 2009 war die Geburtenzahl in keinem anderen Bundesland so stark rückläufig wie in Baden-Württemberg: Nach den neuesten Zahlen des Statistischen Landesamtes wurden 2009 89.700 Kinder geboren – so wenig wie noch nie seit Bestehen des Landes (2008: 91.900, 2000: 106.200).
60 Jahre CDU-Regierung in Baden-Württemberg haben die Rollenzuweisung von Männern als Familienernährer und Frauen als Hausfrauen und Dazu-Verdienerinnen konserviert wie kaum anderswo in der Republik.
- Seit Anfang der 80er-Jahre hat sich der Frauenanteil an den Erwerbstätigen von annähernd 40% auf nunmehr gut 45% erhöht.
- Der entscheidende Motor dabei war der große Zuwachs an Teilzeitstellen (plus 877.000). 2007 waren gut 82% der knapp 1,47 Mill. Teilzeiterwerbstätigen in Baden-Württemberg Frauen. Männer sind unter den Teilzeitkräften mit einem Anteil von annähernd 18 % nach wie vor eher die Ausnahme, allerdings mit steigender Tendenz.
- Nur jede fünfte erwerbstätige Mutter mit einem Kleinkind geht einer Vollzeitbeschäftigung nach.
- Führungspositionen sind nirgendwo sonst so fest in Männerhand wie bei uns: Bei den 20- bis 30-jährigen Führungskräften beträgt der Frauenanteil noch 25%, bei den 30- bis 40-jährigen Frauen nimmt er auf 17% ab. In den höheren Altersgruppen wird er noch geringer. Die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie ist mehrheitlich für Frauen bis zum heutigen Tag eine relevante Karrierebremse.
Die verschiedenen Lebensphasen wie Ausbildung, Beruf und Familiengründung und Familienarbeit laufen nicht mehr nacheinander, sondern häufig parallel ab. Ich möchte die Familienpolitik des Landes künftig auf eine Entzerrung der sogenannten „rush hour“ des Lebens ausrichten. Um die Potenziale der Frauen und der Männer zu fördern und und ihren veränderten Lebensentwürfen gerecht zu werden, müssen wir als Gesellschaft einen Prozess organisieren, der ausgehend vom Grundsatz der Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit die Arbeit in der Gesellschaft und in der Familie gleichermaßen anerkennt. Die nach wie vor bestehenden geschlechterstereotype Benachteiligungen von Frauen aufbricht und auch Männern die Chance gibt, veränderte Lebensmodelle umzusetzen.